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125 Jahre Bahnlinie Kempten-Pfronten

Ein Beitrag des Fahrgastverbandes Pro Bahn e.V.

Am 01. Dezember 1895 eröffnet, konnte die Regionalbahn Kempten – Pfronten dieser Tage das 125-Jährige Betriebsjubiläum begehen. Doch auch ohne Corona hätte die Deutsche Bahn nicht vorgehabt das Streckenjubiläum zu feiern obwohl Werbung der Strecke gut tun würde, die oft ziemlich leer verkehrenden Züge viele weitere Fahrgäste aufnehmen könnten. Als Teil der deutsch/österreichischen Ausserfernbahn eröffnet, blieb der Bahn letztendlich eine direkte Streckenführung aus dem Ehrwalder Becken nach Innsbruck und damit eine internationale Bedeutung, versagt. Spätestens infolge des Autobahnbaus zwischen Kempten und dem Grenztunnel geriet die Bahn dann völlig ins Abseits, denn aufgrund den zahlreichen ungesicherten Bahnübergängen und den für Dieselfahrzeuge teils extremen Steigungen, geriet sie gegenüber der Straße zeitlich stark ins Hintertreffen.

Noch nie in der Geschichte der Bahn allerdings wurden so viele Zugleistungen angeboten wie heute, von 05:30 Uhr bis 23:00 Uhr und das stündlich, sind es täglich 17 Fahrten pro Richtung. Schätzungsweise 15 Millionen Euro sind allein in den vergangenen fünf Jahren in verschiedene Streckensanierungsmaßnahmen geflossen, zum Substanzerhalt, vielfach ohne spürbare Verbesserungen. Zusätzliche Millionen erfordert der jährliche Betrieb, darin nicht eingerechnet. Der Gedanke die Strecke als Teil einer landschaftlich höchst attraktiven Alpenkamm- Bahnlinie von Lindau über Immenstadt – Kempten - Pfronten –Ehrwald bis nach Garmisch-Partenkirchen touristisch zu vermarkten, also dem Vorbild einiger Schweizer Bahnen zu folgen, wurde seitens den Touristiker, der Bahn und der BEG, bis heute nicht weiter verfolgt.

Einen Aufschwung erwarten die Planer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) hingegen von durchgehenden Zügen ab Ulm und Kempten über Kempten bis nach Pfronten, jeweils im Wechsel, was bereits zur Umsetzung im Dezember 2017 vertraglich niedergeschrieben war. Nun, mit drei Jahren Verspätung, sind die dazu erforderlichen neuen PESA LINK Triebwagen im Bw Kempten eingetroffen, eine Umsetzung zum Fahrplanwechsel am 13.12.2020 aus dem Bahn-Portal jedoch noch nicht ersichtlich, vermutlich weil signaltechnisch und mit Gleiswechsel in Kempten doch nicht so einfach umsetzbar. Insofern werden in 2021 auch noch die heutigen Triebwagen 70 Tonnen schweren VT 642 Desiro-Triebwagen mit ihren großen Panorama-fenstern das Bild beherrschen ehe sie von den gar 120 Tonnen schweren VT633 PESA LINK Triebwagen abgelöst werden sollen. Mit den neuen Fahrzeugen einher geht neben besser gereinigten Abgasen leider eine neue EU-Verordnung für Warnsignale an nicht technisch gesicherten Bahnübergängen, welche an dieser Strecke ja zahlreich sind. Die EU-Verordnung aus dem Jahre 2013, für alle neuen Fahrzeuge gültig, schreibt vor, dass in 25m Abstand noch ein Schalldruckpegel zwischen 101 und 109 dB erreicht werden muss! Der Lärmschutz für Anwohner ist leider nicht geregelt und so dürften die neuen Fahrzeuge viele Anwohner hinsichtlich ihres Pfeifsignales, 17 x täglich pro Richtung, unangenehm überraschen.

Ab dem 13.12. enden zunächst alle Züge für mindestens ein Fahrplanjahr am Grenzbahnhof in Pfronten-Steinach denn der Bund, das Land und die Bahn haben es leider nicht geschafft, das Elektrifizierungstempo des Landes Tirol mitzugehen und den nur 1,4km langen Streckenanteil ab der Staatsgrenze bei Vils bis nach Pfronten-Steinach rechtzeitig zu elektrifizieren! Hintergrund: Das Land Tirol lässt aus Umweltschutzgründen (Klimaziele) ab 13.12. nicht mehr zu, dass die aus Kempten kommenden Dieseltriebwagen bis nach Reutte durchfahren. Da die Elektrifizierung von Reutte bis Vils aufgrund des Güterverkehrs zur Fa. Schretter & Cie. nicht aber aufgrund hoher Reisendenzahlen erfolgte und grenzüberschreitend nur sehr wenige Fahrgäste im Zug unterwegs sind, genügt zwischen Pfronten und Vils auch ein Bus. Bleibt die Hoffnung ein Jahr später dann doch elektrisch und sogar stündlich ab Pfronten-Steinach über Reutte bis nach Garmisch und München sogar umsteigefrei fahren zu können.

Bezüglich den Tarifen / Fahrpreisen fällt mangels eines gemeinsamen Tarifverbundes der Landkreise Oberallgäu und Ostallgäu die Strecke weiterhin in den offiziellen DB-Tarif mit den bekannten Angeboten wie Bayern- oder Allgäu-Schwaben-Ticket, welche aber für eine Kurzstrecke wie Kempten-Pfronten preislich nicht attraktiv sind. Die Tageskarte Oberallgäu endet, wie der Name vermuten lässt, an der Landkreisgrenze am Bahnhalt Maria Rain. In der Variante Teilgebiet Nord kostet die Tageskarte ab Kempten oder Dietmannsried bis zur Kreisgrenze 11 Euro pro Erwachsenem für hin & zurück, das ist billiger als der Bahn-Tarif und schließt auch die Busse im Stadtgebiet Kempten ein. Dieses Ticket wird allerdings von der automatischen Preisauskunft der Bahn nicht vorgeschlagen, der Fahrgast muss es selbst aktiv anwählen. Für die Bahn-Strecke zwischen Kempten und Pfronten bietet sich für Einzel-Reisende hingegen das Hopper-Ticket zu € 14,40 für hin- und zurück an, welches den Normalpreises von € 18,80 etwas ermäßigt, dafür montags-freitags jedoch erst ab 09:00 Uhr gültig ist, am Wochenende ganztags. Dieses Ticket wird im Gültigkeitszeitraum hingegen automatisch vorgeschlagen.

All diese Fahrscheine sind auch beim Zugbegleitpersonal erhältlich, ohne Aufpreis, und mit einer plausiblen Erklärung auch für Diejenigen welche auch dort zugestiegen sind, wo ein Fahrschein vorher hätte gelöst werden können. Viel Steuergeld spendiert die BEG seit drei Jahren für die ständigen Zugbegleiter für die doch recht wenigen Fahrgäste, vom bestens besetzten Schülerzug am Morgen und Nachmittag, der sogar mit zwei Triebwagen verkehren muss, einmal abgesehen.

Sollte die Strecke einen nachhaltigen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten wollen, so muss dazu endlich Bewegung in die Tarifgestaltung kommen, die Bahn auch für Kemptener preislich attraktiv werden und was die Reisezeit anbelangt, wäre da noch einiges zu tun, denn ein Abbremsen auf 20km/h an den landwirtschaftlichen Abzweigen zum Stellenmoos oder bei Multen, erinnern an die Anfangstage der Bahn, derweil eine kostengünstige Ampelanlage der Sache abhelfen könnte.

Verantwortlich: Harald Sauter, Zur Durach 2, 87471 Durach /
Aktives Mitglied im Fahrgastverband Pro Bahn e.V. / harald.sauter@gmx.net